Die “Blockchain” ist so etwas wie ein Zauberwort in der aktuellen energiewirtschaftlichen Diskussion. Die Branche befasst sich immer intensiver mit dem Thema, aber was sind die tatsächlichen Potenziale? Erste Antworten liefern verschiedene Studien, die in den vergangenen Wochen und Monaten den Fokus auf die Blockchain-Technologie gelegt haben.

Letztes Update: 20. Juli 2017 – Pöyry-Analyse zur Blockchain

Eine Analyse der Deutschen Energie-Agentur (dena) und der European School of Management and Technology (ESMT Berlin) zeigt, dass Blockchain-Technologien das Potenzial besitzen, etwa bei öffentlichen Lade- und Abrechnungstransaktionen für Elektrofahrzeuge das dominierende Design zu werden. Das Kostensenkungspotenzial von Blockchain-Anwendungen für die Energiewende sei gleichwohl „begrenzt“, heißt es in der Studie. Insbesondere in Märkten, in denen sich bereits digitale Lösungen bewährt haben, treffe die Technologie auf starke Konkurrenzprodukte und -dienstleistungen.

Auch das Beratungshaus Pöyry Management Consulting hat im Rahmen seiner Publikation “Energie für Deutschland 2017” der Blockchain ein Schwerpunktthema gewidmet. Auch das Beratungshaus arbeitet die Potenziale der Blockchain heraus, sieht aber keinen Grund, mit Blick auf die Technologie in Euphorie oder sogar Hysterie zu verfallen. “Es ist noch viel zu früh, von einem Siegeszug zu sprechen, Blockchain muss seine Wertversprechen noch einlösen”, sagt Pöyry-Experte Eckart Lindwedel.

Potenzial der Blockchain in entstehenden Märkten deutlich größer

Dena und ESMT betonen, dass das Potenzial der Blockchain in entstehenden Märkten deutlich größer ist. Blockchain ist eine dezentral organisierte digitale Plattform, die sichere Datenspeicherung und Transaktionen in Peer-to-Peer-Netzwerken ermöglicht. „Das revolutionäre Potenzial der Technologie besteht darin, vermittelnde Instanzen wie Banken überflüssig werden zu lassen, da Transaktionen direkt von Nutzer zu Nutzer getätigt werden können“, heißt es in der Studie.

Die Nutzung von Blockchain-Technologien könnte im Energiesektor unter anderem das Einbinden von zahlreichen dezentralen Erzeugungsanlagen vereinfachen und die Nutzung erneuerbarer Energien begünstigen. Durch diese Entwicklung ergeben sich neue digitale Geschäftsmodelle in der Energiewirtschaft. „So könnten Energieversorger sich beispielsweise hin zu Applikations- oder Systemanbietern entwickeln, um über Lizenz- und Nutzungsgebühren Umsatzrückgänge aus dem Energieverkauf zu kompensieren“, sagt Robert Schwarz von Pöyry Management Consulting, der die Analyse des Beratungshauses gemeinsam mit Lindwedel erstellt hat.

In jüngerer Vergangenheit hat das Thema auch in der deutschen Energiebranche eine zunehmende Aufmerksamkeit erlangt. Bei Enercity können Kunden seit einiger Zeit mit der Kryptowährung Bitcoin zahlen, die auf dem Blockchain-Prinzip basiert. Und mehrere Projektpartner rund um blog.stromhaltig und den Stadtwerke Energie Verbund SEV haben das Open-Source-Projekt Grünstromjeton auf den Weg gebracht, das Stromkunden einen geprüften Nachweis des tatsächlich bezogenen (Öko-)Stroms liefern soll (EUWID 43/2016). [Vgl. Video 1] Zuletzt liefen Meldungen über die Gründung des Bundesverbandes Blockchain und eine millionenschwere Investition des Energiekonzerns innogy in das Blockchain-Start-up Conjoule über die Nachrichtenticker.

Pöyry Management Consulting hat eine Reihe von relevanten Pilotprojekten im Blockchain-Bereich identifiziert und zusammengestellt:

Der dena-Analyse zufolge nehmen Start-ups bei den meisten Anwendungen eine Vorreiterrolle ein, aber Energieversorger holten mit Joint Ventures und Kooperationen auf, wie auch das Beispiel Conjoule zeigt. Weitere Belege für die These sind der Einsatz der Ethereum-Blockchain im innogy-Projekt BlockCharge, das die Ladevorgänge von Elektrofahrzeugen erleichtern und standardisieren soll. BlockCharge hat das Ziel, ein weltweites Authentifizierungs – sowie Charging- und Billing- System ohne Vermittler zu etablieren. Unterstützt wird innogy dabei von dem Start-up Slock.it, das sich auf die Bereitstellung von Blockchain-Know-how für große Unternehmen spezialisiert hat. [Vgl. Video 2]

Dena und ESMT befragen 70 Entscheidungsträger in der deutschen Energiewirtschaft

Dena und ESMT haben für ihre Analyse Entscheidungsträger der deutschen Energiewirtschaft über ihre Einschätzungen, bestehende und geplante Aktivitäten sowie ihre Vision zum Thema Blockchain befragt. Von den rund 70 Entscheidungsträgern, die an der Umfrage teilnahmen, experimentiert bereits mehr als die Hälfte mit Anwendungen der Blockchain oder plant derartige Vorhaben. 21 Prozent sehen die Blockchain als Game-Changer für die Energieversorgung, 60 Prozent halten die weitere Verbreitung von Blockchain für wahrscheinlich und 14 Prozent erwarten Nischenanwendungen.

Nach zukünftigen Anwendungsbereichen der Blockchain-Technologie befragt, fallen rund die Hälfte der Anwendungen in den Bereich öffentliche und private Handelsplattformen, insbesondere Peer-to-Peer-Handel und dezentrale Energieerzeugung, während die andere Hälfte der genannten potenziellen Anwendungen unter dem Begriff „Prozessoptimierung“ zusammengefasst werden kann, einschließlich der Themen Abrechnung, intelligente Zähler und Datenübertragung. Hier werden weiterhin Vertrieb und Marketing, Automatisierung sowie Elektromobilität, Kommunikation und Netzmanagement genannt.

„Politik sollte Thema Blockchain mehr Aufmerksamkeit widmen“

Wenn in neu entstehenden Märkten noch verschiedene Lösungen konkurrieren, könnte es für die Blockchain einfacher als in bestehenden Märkten sein, zum Standard zu werden, heißt es in der Studie weiter. Als Beispiel nennt die dena/ESMT-Studie den Smart Meter Rollout, der in einigen Ländern wie Italien und Schweden bereits erfolgt ist. Die Bundesregierung plant den offiziellen Beginn des Rollouts in Deutschland Anfang des kommenden Jahres. Derzeit sei aber unklar, welche Software-Lösung sich für multidirektionale Smart-Meter-Transaktionen durchsetzen werde. Ähnlich verhält es sich beim Zahlungssystem für Ladevorgänge von Elektrofahrzeugen an öffentlichen Ladestationen, wie das Beispiel BlockCharge zeigt.

Schwieriger wird die Positionierung der Blockchain in Anwendungsbereichen, für die Plattformen und Prozesse bereits vorhanden und unter den Marktteilnehmern akzeptiert sind, führen die Autoren weiter aus. Strombörsen wie die Europäische Strombörse in Leipzig (EEX) dienten als Plattformen, die Akteuren den Handel mit Energie, Emissionen und deren Derivaten ermöglichten. „Hier muss Blockchain mit etablierten Lösungen konkurrieren. Nur wenn ihre Anwendung signifikante finanzielle oder operationelle Vorteile aufweist, können Blockchain-basierte Lösungen eine kritische Anzahl von Marktteilnehmern überzeugen, aus dem aktuellen Status quo auf die neue Plattform zu wechseln und damit eine ausreichende Liquidität zu erzeugen, um Blockchain als attraktive Alternative zu etablieren.“

Nach konkreten Handlungsfeldern befragt, empfehlen die Teilnehmer der Umfrage Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft, dem Thema Blockchain größere Aufmerksamkeit zu widmen. Gleichzeitig werden Bedenken geäußert, dass Deutschland und die Europäische Union im globalen Vergleich ins Hintertreffen geraten könnten. Zudem bewegen sich einigen Kommentaren zufolge Blockchain-Anwendungen in einer Grauzone des derzeitigen Rechtsrahmens, heißt es in der Studie weiter. „Die Finanzierung von Pilotprojekten und Prototypen sollte die Möglichkeiten der Technologie bestätigen und die Einführung kommerzieller Anwendungen für den Massenmarkt beschleunigen“, lautet das Fazit der Analyse.

Video 1: Grünstromjetons Video 2: Blockcharge

 

Quelle Titelbild: zapp2photo / Fotolia

 

 

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