Hauseigentümer müssen sich auf strengere Energiesparvorgaben einstellen, dürfen aber auch auf Finanzhilfe zur Umsetzung hoffen. Dies ist Teil einer neuen Strategie, mit der die EU-Kommission eine „Renovierungswelle“ (Renovation Wave) für den Klimaschutz auslösen will. Bis 2030 sollen 35 Mio. Gebäude in Europa renoviert und klimafit gemacht werden, wie die Brüsseler Behörde am Mittwoch mitteilte. Statt ein Prozent des Bestands pro Jahr soll doppelt so viel modernisiert werden.

In Gebäuden werden 40 Prozent der in der EU benötigten Energie verbraucht und 36 Prozent der Treibhausgase verursacht. Um das von der EU-Kommission vorgeschlagene Ziel einer Senkung der Klimagase um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 bis 2030 zu erreichen, müssten die Treibhausgase aus Gebäuden um 60 Prozent und ihr Energiebedarf um 14 Prozent verringert werden, rechnet die Kommission. Konkret brauchen die Häuser dafür neue Heizsysteme, Fenster oder Dämmung.

Die Renovierungswelle könne 160.000 Jobs schaffen und den Bürgern helfen, ihre Heizkosten zu drücken, erklärte die Kommission. Dafür seien aber jährlich 275 Mrd. € zusätzlicher Investitionen nötig. Um diese zu aktivieren, plant die Kommission striktere Vorgaben für den Energieverbrauch einschließlich einer schrittweisen Einführung von Mindeststandards für bestehende Gebäude ab Ende 2021. Gleichzeitig soll es leicht zugängliche finanzielle Unterstützung geben, unter anderem aus dem Corona-Aufbauplan Next Generation EU.

Höherer Stellenwert für Wärme- und Kälteerzeugung aus Erneuerbaren

Die Strategie gibt zunächst die große Linie vor. Konkrete Gesetzgebungsvorhaben sollen in den nächsten Monaten folgen. Im Zuge der für Juni 2021 vorgesehenen Überprüfung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie werde erwogen, den Vorgaben für die Wärme- und Kälteerzeugung aus erneuerbaren Quellen einen höheren Stellenwert zu geben und ein Mindestniveau an Energie aus erneuerbaren Quellen in Gebäuden einzuführen, heißt es in einer Mitteilung der EU-Kommission. Man werde auch prüfen, wie die Haushaltsmittel der EU neben den Einnahmen aus dem EU-Emissionshandelssystem (EU-EHS) zur Finanzierung nationaler, auf einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen zugeschnittener Energieeffizienz- und Energiesparprogramme eingesetzt werden könnten.

„Der Ökodesign-Rahmen wird weiterentwickelt, damit effiziente, gebäudegerechte Produkte auf den Markt gebracht und ihre Verwendung gefördert werden“, heißt es weiter. Bei der Renovierungswelle gehe es nicht nur darum, den vorhandenen Gebäudebestand energieeffizienter und klimaneutral zu gestalten. „Sie kann eine umfassende Veränderung unserer Städte und der baulich gestalteten Umwelt auslösen“, heißt es seitens der Brüsseler Behörde.

Deneff: Neue Standards setzen vernünftigt Leitplanken für Investoren

Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) begrüßt die Pläne der Kommission und erhofft sich von der Bundesregierung eine „eindeutige Unterstützung der Pläne sowie eine vorbildliche Umsetzung in deutsches Recht“. Die Strategie benenne konkrete Vorhaben, mit denen die EU die Mitgliedsstaaten bei der Verdopplung der Modernisierungsrate unterstützen will. Sie enthält unter anderem einen eindeutigen Aufruf an die Mitgliedsstaaten, bei der Verwendungder Mittel aus dem 672,5 Mrd. € schweren EU-Sonderfonds zur Konjunkturbelebung in der Corona-Krise einen Schwerpunkt auf die Ertüchtigung von Gebäuden zu legen.

Die von der Kommission ebenfalls vorgeschlagenen Mindeststandards, um zuerst die energetisch schlechtesten Gebäude zu modernisieren, entlasteten gleichzeitig Energieverbraucher und Klima, betont die Deneff. Hierin schlummere das größte Potenzial für das rechtzeitige Erreichen der Klimaziele 2030. Gleichzeitig setzten diese Standards vernünftige Leitplanken für Investoren. Beispiele aus den Niederlanden und Frankreich zeigten, dass energetische Mindeststandards im Bestand eine sinnvolle Ergänzung bisherigerBemühungen für Klimaschutz im Gebäudesektor seien, so der Verband.

Grüne: „Bundesregierung meidet das nötige Ordnungsrecht wie der Teufel das Weihwasser“

„In Deutschland wurde mit der Aufstockung der Förderprogramme zu Jahresbeginn bereits eine erste Modernisierungswelle ausgelöst“, sagt Christian Noll, geschäftsführender Vorstand der Deneff. Die Bauwirtschaft sei auf diesem Weg zu einer wichtigen konjunkturellen Stütze in der Corona-Krise geworden. „Das zeigt, dass Investitionen in den Gebäudebestand wirtschaftliche Erholung und effektiven Klimaschutz intelligent verbinden.“

Auch die Grünen begrüßen den Vorstoß aus Brüssel. Mit ihrem Vorschlag für eine umfassende Renovierungswelle für Gebäude sende die EU-Kommission ein wichtiges Signal an die Mitgliedstaaten. „In Deutschland legt sie damit den Finger in die Wunde: Das Zögern und Zaudern der Bundesregierung hat zu einem riesigen Rückstand bei Sanierung und Klimaschutz im Gebäudebereich geführt“, kritisiert die Bundestagsfraktion der Grünen in einer Mitteilung. „Das kürzlich verabschiedete Gebäudeenergiegesetz (GEG) ließ fünf geschlagene Jahre auf sich warten, nur um Baustandards von vorgestern weiter fortzuschreiben.“ Die Paris-Ziele im Gebäudesektor seien in Deutschland so nicht zu erreichen.

Im Gebäudebereich gehe es darum, Klima-, Ressourcen- und Verbraucherschutz zusammenzubringen. „Daher ist es richtig, dass die EU-Kommission den Fokus auf öffentliche Gebäude und Sozialwohnungen lenkt. Weil die Bundesregierung das nötige Ordnungsrecht meidet wie der Teufel das Weihwasser, ist es gut, dass die EU-Renovation-Wave ordnungsrechtliche Anforderungen klar benennt.“ Hier müsse die Regierungskoalition „endlich nachlegen“. (EUWID/dpa, Quelle für Beitragsbild: Aleksandr – stock.adobe.com)

Hier geht’s zu den Leitaktionen der Renovierungswelle:

Leitaktionen der Renovation Wave der EU-Kommission

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