Noch 24 Monate, dann ist es soweit: Die ersten EEG-Anlagen verlieren nach 20 Jahren ihren Förderanspruch. Die Energiewirtschaft wendet sich den betroffenen Anlagenbetreibern mit einer wachsenden Zahl von Dienstleistungen und Serviceangeboten zu. Wir haben Christian Chudoba, den Geschäftsführer der Berliner Lumenaza GmbH, zu den Perspektiven von Anlagenbetreibern in der Post-EEG-Zeit befragt. Chudoba sieht jetzt den Zeitpunkt gekommen, sich intensiv mit den Herausforderungen und Chancen der Post-EEG-Phase zu befassen.

Post-EEG-Anlagen: Report + Dossier im Einzelverkauf
Wissensvorsprung in der Post-EEG-Phase
EUWID bietet einen neuen Informationsservice an. Die Inhalte des EUWID-Dossiers zur Post-EEG-Phase können ab sofort ohne Abo-Verpflichtung im Einzelverkauf erworben werden. Das entsprechende Paket besteht aus dem digitalen Vollzugriff auf alle Berichte (und spätere Aktualisierungen) im Dossier für einen Zeitraum von einem Jahr und der Printausgabe des EUWID-Reports: „Was mache ich mit meiner EEG-Anlage nach dem Ende der Förderung?“. Weitere Informationen zum Post-EEG-Paket finden Sie hier.

Herr Chudoba, warum sollten sich Anlagenbetreiber bereits heute mit der Post-EEG-Phase befassen? Die ersten Anlagen fallen ja erst 2021 aus der Förderung.

Von dem Auslaufen der EEG-Förderung sind insgesamt 4.600 MW an Leistung unmittelbar betroffen, das entspricht in etwa drei Atomkraftwerken. Für 18.800 Solar-, 5.400 Windkraft- sowie 2.200 Wasserkraftanlagen gehen 20 Jahre der gesetzlich garantierten Förderung zu Ende. Es dauert natürlich noch zwei Jahre, bis die Förderung ausläuft, jedoch ist dies aus unserer Sicht genau der Zeitraum, der nötig ist, um die entsprechenden Vorbereitungen zu treffen. Anlagenbetreiber müssen sich heute fragen, wie sie zukünftig mit dem produzierten Strom umgehen wollen.

Die traditionellen Preis- und Geschäftsmodelle funktionieren nicht länger, sondern stehen vor dramatischen Umbrüchen.

Die traditionellen Preis- und Geschäftsmodelle funktionieren nicht länger, sondern stehen vor dramatischen Umbrüchen. In den vergangenen Monaten waren bereits die ersten Varianten dieser neuen Ansätze sichtbar: Langfristige Stromabnahmeverträge oder Regionalstrommodelle sind Möglichkeiten, um das Stromangebot langfristig attraktiv nutzen zu können. Die verbleibende Zeit bis zum Auslaufen der EEG-Förderung wollen wir deshalb nun nutzen, um das bestmögliche Angebot für die Anlagenbetreiber zu entwickeln und dann auch umzusetzen.

Können Sie ein rechnerisches Beispiel geben, inwieweit sich der Wechsel in ein Regionalstrommodell für einen PV-, Wind- oder Biogasanlagenbetreiber in der Post-EEG-Phase lohnen kann?

Die Deutsche Windguard hat in ihrer Studie zum Weiterbetrieb von Windenergieanlagen nach 2020 errechnet, dass für den Weiterbetrieb einer WEA je nach Szenario zwischen 2,64 und 5,00 Cent pro kWh benötigt werden. Der Solarförderverein Deutschland e.V. hält den Weiterbetrieb kleiner Photovoltaik-Anlagen bei einer Vergütung von 5 Cent pro kWh für möglich.

Beim aktuellen Preisniveau von rund 55 €/MWh wäre der Weiterbetrieb wirtschaftlich sinnvoll und ökologisch wünschenswert.

Auch in Regionalstrommodellen ist der Benchmark für den möglichen Preis immer der Börsenpreis. Beim aktuellen Preisniveau von ca. 55 €/MWh wäre der Weiterbetrieb daher wirtschaftlich sinnvoll und ökologisch wünschenswert. Regionalstrommodelle können neben einem emotionalen Bezug – nämlich einen Beitrag zur regionalen Stromversorgung zu leisten – zusätzliche Vorteile wie langfristige Abnahmeverträge und Zusatzeinnahmen durch die Erzeugung von Herkunftsnachweisen ermöglichen. Für letztere gehen wir von einer Preisspanne von 1-3 € pro MWh aus.

Wo sehen Sie die Vorteile von Regionalstrommodellen im Vergleich zu anderen Post-EEG-Lösungen wie dem Eigenverbrauch oder langfristigen Stromabnahmeverträgen (PPA)? Anders gefragt: Für welche Anlagenbetreiber sind Regionalstromansätze besonders attraktiv?

Durch das Auslaufen der EEG-Förderung nimmt die Komplexität auf Seiten der Geschäftsmodelle zu. Die langfristigen Stromabnahmeverträge sehen wir eher für größere Erzeugungskapazitäten. Im Herbst wurden ja die ersten Verträge abgeschlossen, bei denen Privatkunden mit Strom direkt aus einem Windpark beliefert werden.

Wenn man sich die Anzahl der betroffenen Anlagen vergegenwärtigt, so läuft die Förderung vor allem für Anlagen mit einer relativ geringen Leistung aus. Der optimierte Eigenverbrauch, auch über die Nachrüstung mit einer Batterie, ist sicherlich für den einen oder anderen Anlagenbetreiber interessant, auch dann, wenn daraus Stromcommunities inklusive Flexibiltätsvermarktung geschaffen werden können.

Regionalstromansätze sind besonders wirksam, da sie einen emotionalen Bezug zu einem ansonsten schwierig greifbaren Produkt herstellen.

Regionalstromansätze sind dann besonders attraktiv, wenn eine hohe Anzahl von dezentralen Erzeugungsanlagen regional zu einem virtuellen Kraftwerk gebündelt werden können. Durch den Einsatz von Software können Erzeugung und Verbrauch intelligent gesteuert werden. Da der Strom sowohl regional erzeugt als auch verbraucht wird, haben die Abnehmer einen direkten Bezug zum Strom – er bekommt ein Gesicht. Regionalstromansätze sind besonders wirksam, da sie einen emotionalen Bezug zu einem ansonsten schwierig greifbaren Produkt herstellen.

Welche Funktionen übernimmt die Lumenaza-Software im Rahmen von Cloud- und Community-Ansätzen? Wie stellen Sie sicher, dass der erzeugte Strom aus den angeschlossenen Erneuerbaren-Anlagen tatsächlich beim Kunden ankommt? Und welche Anforderungen ergeben sich für das Messkonzept?

Die Lumenaza „utility in a box“-Software ermöglicht die Abbildung aller energiewirtschaftlichen Prozesse und Funktionen, die zur Beschaffung von dezentral erzeugtem Strom aus erneuerbaren Energien im Wege der EEG-Direktvermarktung sowie zu dessen regionalem Vertrieb und der Versorgung innerhalb von Energy-Communities notwendig sind.

Alle Prozesse sind hochautomatisiert und vollkommen digitalisiert abgebildet. Die Lösung wird als Software-as-a-Service angeboten, das heißt die Software wird von Lumenaza gehostet und cloudbasiert betrieben. Zusätzlich handelt es sich um einen Managed Service, d.h. wir sorgen für die Abwicklung aller Prozesse.

Messprofile statt Standardlastprofilen: „Versprechen uns Besserung im Rahmen des Smart-Meter-Rollout“

Lumenaza arbeitet auf der energiewirtschaftlichen Ebene mit projektspezifischen Bilanzkreisen. Diese ermöglichen die genaue zeitliche und mengenmäßige Zuordnung von Erzeugung und Verbrauch innerhalb der jeweiligen Community. Das Messkonzept hängt vom gewählten Modell ab. Für Erzeugungsanlagen sind Zähler erforderlich, die die Einspeisung als 15-Minuten-Wert erfassen.

Wünschenswert ist, dass auch auf der Verbrauchsseite fernauslesbare Messsysteme mit 15-Minuten-Werten zum Einsatz kommen, um zukünftig den Erzeugungsprofilen exakte Messprofile statt Standardlastprofile gegenüberstellen zu können. Wir versprechen uns hier Besserung im Rahmen des gesetzlich vorgegebenen Smart-Meter-Rollout.

Wie sind die Regionalstrommodelle, an denen Lumenaza beteiligt ist, energiewirtschaftlich strukturiert? Handelt es sich um Lieferungen im Sinne der sonstigen Direktvermarktung gemäß EEG? Welche Umlagen und Abgaben fallen für die regionale Belieferung an?

Der Strom wird aktuell überwiegend im Wege der geförderten Direktvermarktung direkt von den Erzeugern beschafft. Die sonstige Direktvermarktung kommt erst ab 2021 mit dem dann beginnenden Wegfall der EEG-Förderung in größerem Umfang zum Tragen. Der Strom wird direkt an die Endkunden geliefert.

Lumenaza ist Pionier bei der Direktvermarktung im Segment der Kleinanlagen und bietet die Direktvermarktung auch als Whitelabel-Model an. So kann beispielsweise ein Stadtwerk im Sinne des „one-face-to-the-customer“-Prinzips selber Vertragspartner des Erzeugers sein, während Lumenaza im Hintergrund alle energiewirtschaftlichen Prozesse abwickelt, ohne direkt beim Kunden in Erscheinung zu treten. Dies erhöht die Kundenbindung bei dem Stadtwerk und eröffnet neue Vertriebskanäle. Bei der Strombelieferung werden die gesetzlichen Abgaben und Umlagen ganz normal abgerechnet.

Welche Rolle sehen Sie für Blockchain-Konzepte im Rahmen von Community-Lösungen und Regionalsstrommodellen?

Wir können bereits heute mit unserer Software Peer-to-Peer-Modelle realisieren, die in der Blockchain-Community diskutiert werden. Die Blockchain-Modelle haben das Potenzial, Transaktionen zu vereinfachen. Die Blockchain hat aus unserer Sicht eine besondere Relevanz hinsichtlich der Automatisierung und Vereinfachung von Abrechnungs- und Clearingprozessen, allerdings bestehen noch Herausforderungen beim Reifegrad der Technologie, der Skalierung sowie die Einbettung in einen stark regulierten Markt.

Was wären die drei wichtigsten Tipps, die Sie Anlagenbetreiber geben würden, die sich mit der richtigen Strategie für die Post-EEG-Phase auseinandersetzen?

Wir möchten Anlagenbetreibern Mut und Zuversicht für die kommenden Jahre vermitteln – sie werden nicht minder spannend als die zurückliegenden 20 Jahre. Das Auslaufen der Förderung ist ohne Frage eine Zäsur. Unser erster Tipp ist deshalb eher eine Aufforderung. Die Post-EEG-Phase erfordert nun Mut, um sich von tradierten Ansätzen zu lösen und Neues zu wagen. Dieser Mut wird belohnt werden, denn die Anlagenbetreiber, deren Anlagen aus der Förderung fallen, gehörten vor 20 Jahren auch zu den Pionieren. Mit dem Mut zur Veränderung wird dies ein weiteres Mal erfolgreich gelingen.

Geschäftsmodelle aus dem Blick der Digitalwirtschaft betrachten

Gleichzeitig hat sich das Energiemarktumfeld in den vergangenen zwei Dekaden enorm gewandelt. Unser zweiter Tipp ist daher der Rat an Anlagenbetreiber, Geschäftsmodelle aus dem Blick der Digitalwirtschaft zu sehen. Der heute größte Hotelkonzern der Welt heißt Airbnb, hat aber keine eigenen Zimmer im Bestand. Diese Logik gilt es auch für den Energiemarkt anzuwenden. Strom wird plötzlich ein teilbares Produkt und bekommt ein Gesicht.

Unser letzter Tipp an Anlagenbetreiber ist es, die verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen. Bis zum Auslaufen der Förderung für die ersten Anlagen sind es noch knapp zwei Jahre. Die Zeitspanne wirkt lang, geht jedoch schnell vorbei – schließlich war das Auslaufen der Förderung damals ebenfalls weit entfernt. Die praktikablen und attraktiven Modelle und Ansätze werden heute schon erfolgreich eingesetzt. Das Ende der EEG-Förderung wird ihnen noch mehr Dynamik verleihen. Mit Mut, frischen Perspektiven und der entsprechenden Tatkraft wird auch die Post-EEG-Phase erfolgreich. Wir sind jedenfalls bereit!

Vielen Dank für das Gespräch! (Hinweis: Das Interview hatten wir am 7. Januar für Digitalabonnenten und Käufer des Post-EEG-Dossiers bereits verfügbar gemacht)

Zur Person: Dr. Christian Chudoba besitzt mehr als 15 Jahre Führungserfahrung in strategischer Geschäftsentwicklung, Business Development und Marketing. Seit Anfang 2013 treibt er die Entwicklung von Lumenaza voran. Das Unternehmen bietet Software für die dezentrale und digitale Energiewelt an. Chudoba studierte Physik an der Freien Universität Berlin und promovierte an der Humboldt Universität Berlin. Im Anschluss arbeitete er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Institut für Elektrotechnik. (Bildquelle: Lumenaza)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Bitte Kommentar einfügen!
Bitte geben Sie Ihren Namen hier ein