Eigentlich kann sich die Energiespeicherbranche, die sich in der kommenden Woche auf der Energy Storage Europe in Düsseldorf zusammenfindet, nicht beklagen. Es gibt eine Vielzahl von Entwicklungen, die den Unternehmen am Markt in die Karten spielen. Sei es der wachsende Anteil fluktuierender erneuerbarer Energien am Energiemix, der eine zeitliche Anpassung des schwankenden Angebots an eine bestehende Nachfrage erfordert.

Sei es das Aufkommen der Elektromobilität, die einen Nachfrageschub an den Märkten für Batteriespeicher mit sich bringt. Oder sei es das baldige Auslaufen der EEG-Förderung für eine Vielzahl von Prosumern, das den Speicheranbietern die Kundschaft zutreibt. So positiv diese Aussichten auch sind, es könnte noch deutlich besser laufen.

Das energiewirtschaftliche Korsett passt nicht mehr

Seit Jahren kämpft die Branche gegen regulatorische Einschränkungen und ein energiewirtschaftliches Korsett, das nicht mehr in Zeiten von Digitalisierung und erforderlicher Flexibilität passt. Zwar sieht der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD Verbesserungen für durchaus Verbesserungen für die Branche vor: Speicher sollen stärker in den Mittelpunkt als zentrale Sektorkopplungstechnologie gestellt werden. Und sie sollen künftig auch mehrere Dienstleistungen gleichzeitig erbringen können.

Gleichwohl sieht die Energiespeicherbranche in diesen Abmachungen keinen großen Wurf. „Die grundsätzlich positiven Punkte im Koalitionsvertrag beschränken sich letztlich auch wieder nur auf das Herumdoktern an Symptomen“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands Energiespeicher (BVES), Urban Windelen.

Branche fordert Verankerung von Speichern als vierte Säule des Energiesystems

Wesentlich wären grundlegendere Weichenstellungen, die dem gesamten Energiesystem und auch allen Speichertechnologien und -betriebsweisen zu Gute kämen. „Damit meine ich die Verankerung von Speichern als eine eigenständige vierte Säule des Energiesystems neben Erzeugung, Transport und Verbrauch“, sagt Windelen, eine Forderung, die auch von anderen Interessenvertretern der Speicherbranche in den Fokus gestellt wird.

Ungeachtet bestehender Hürden und Hemmnissen stehen die Zeichen für die Energiespeicherbranche auf Wachstum – national wie international. Allein der globale Markt für Heimspeicher wird sich bis zum Jahr 2030 sechs Mal verdoppeln, schreiben die Analysten von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) in ihrem „Energy Storage Forecast 2017-30. Dann könnte weltweit eine Leistung von 125 Gigawatt an solchen Heimspeichern mit einer Kapazität von 305 GWh installiert sein. Und dann erst bewegte sich das Segment in der gleichen Größenordnung wie die in Deutschland weit ins Hintertreffen geratenen Pumpspeicherkraftwerke, die bereits heute über eine weltweit installierte Leistung von mehr als 160 Gigawatt verfügen.

EU: Starke heimische Industrie entlang der gesamten Wertschöpfungskette

Mit dem erwarteten Markthochlauf gerade im Bereich der Batteriespeicher wachsen die Begehrlichkeiten. Das erwartete Marktvolumen ist gigantisch. Schon Mitte des kommenden Jahrzehnts rechnet die Europäische Kommission mit einem Marktvolumen von 250 Mrd. €. Diesen Markt will man nicht kampflos der Konkurrenz in Fernost oder Amerika überlassen. Mit der European Battery Alliance soll die Grundlage für den Ausbau einer europäischen Batterieindustrie gelegt werden, die über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg Weltklasse darstellt und damit auch die besten Köpfe nach Europa lockt.

EUWID-Report 'Energiespeicher im Aufwind' erscheint am 13. März
EUWID-Report Energiespeicher

Pünktlich zur Energy Storage Europe in Düsseldorf erscheint der neue EUWID Report “Energiespeicher im Aufwind”. Wie kann der Einsatz von Speichern zur Integration erneuerbarer Energien beitragen? Welche Lösungen gibt es am Markt und welche Konzepte haben im Zuge der Sektorkopplung eine wirtschaftliche Perspektive? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die Sonderpublikation.

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Typisch für die frühe Phase der Marktentwicklung im Batteriespeichersegment ist durchaus auch, dass die Konkurrenz mit Blick auf die Perspektiven stark steigt, ohne dass der Markt dies zum jetzigen Zeitpunkt schon ohne Einschränkung hergibt. Es sind Investitionen in technologische Weiterentwicklungen und innovative neue Geschäftsmodelle erforderlich. Im Ergebnis ist es nicht einfach, am Markt für Energiespeicher zum jetzigen Zeitpunkt Gewinne zu erwirtschaften, zumal es stets abzuwägen gilt, ob Überschüsse nicht sofort reinvestiert werden, um die Grundlage für künftiges Wachstum zu legen. Mancher Investor verliert da angesichts eigener Renditeziele die Geduld.

PV und Elektromobilität als Zugpferde der Batteriespeichernachfrage

An Aufgaben für eine dynamische Energiespeicherbranche mangelt es jedenfalls nicht. Die Entwicklung der Elektromobilität hängt auch davon ab, dass es leistungsfähigere und kompaktere Speicher gibt, damit die Reichweite der Fahrzeuge wächst und den Kunden den Umstieg von traditionellen Verbrennungsfahrzeugen leicht(er) macht. Und dass die heimische Photovoltaikanlage nach dem Auslaufen der EEG-Förderung mit einem Speicher aufgerüstet wird, um den Eigenverbrauch des selbst produzierten Solarstroms deutlich zu erhöhen, ist in vielen Fällen eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Von zentraler Bedeutung für die Energiewende ist die Fähigkeit der Speicher, Netzdienstleistungen bereitzustellen. Nach Angaben des BVES sind in Deutschland Ende 2017 bereits Großbatterien am Regelmarkt mit einer installierten Leistung von 185 MW im Einsatz gewesen – Tendenz steigend. Laufende und neue Projekte befassen sich dabei aber nicht nur mit der Bereitstellung von Regelenergie. Die Wemag etwa hat im vergangenen Sommer die Schwarzstartfähigkeit ihres Batteriespeichers unter Beweis gestellt. Und in Bordesholm (Schleswig-Holstein) entsteht ein Batteriespeicher, der die kommunale Stromversorgung aus überwiegend erneuerbaren Energien beim Ausfall des übergeordneten Netzes ermöglichen soll.

Industrie nutzt Synergien aus der Einbindung von Energiespeichern

Die Verbindung erneuerbarer Energien mit Speichertechnologien ist auch ein Anwendungsfall für Industrie und Gewerbe. Der Automobilkonzern BMW etwa nutzt in Leipzig Chancen aus der Kombination von Elektromobilität, Windenergie und Energiespeicherung. Gebrauchte und neue Hochvoltspeicher des BMW i3 sind hier zusammengeschlossen und können einerseits Primärregelleistung bereitstellen, andererseits als Ersatzteile für die Elektroautos herhalten. Auch andere Fahrzeughersteller gehen einen ähnlichen Weg.

Jede Speichertechnologie hat unterschiedliche Vor- und Nachteile

Längst sind die Kosten von Energiespeichern auf einem Niveau angekommen, bei dem es auch von Handel und Gewerbe interessant ist, über entsprechende Lösungen zur Optimierung des Energienutzungsprofils zumindest nachzudenken – zumal man hier wenig von EEG-Ausnahmeregelungen beim Strombezug aus dem Netz profitiert. Das Unternehmen Tesvolt  etwa bietet leistungsfähige Speicher an, der auf tatsächliche Speicherkosten von 9 bis 10 ct/kWh. In Verbindung mit dem neuen Mieterstromzuschlag könnten sich Gewerbespeicher auch im Bereich der Immobilienwirtschaft als attraktives Modell erweisen.

Obwohl die Diskussion angesichts der medialen Aufmerksamkeit auf den Themen Elektromobilität und Heimspeicher stark auf Batterietechnologien fokussiert: Energiespeicher gibt es in den vielfältigsten Ausprägungen. Und sie haben sehr unterschiedliche Vor- und Nachteile. Batteriespeicher etwa eignen sich nicht für die Langfristspeicherung von Strom. Hier sind Wärmespeicher oder Power-to-Gas-Lösungen klar im Vorteil. Und im Zuge von Energiewende und Sektorkopplung stellt sich gerade diese Frage: Wie können strukturelle Ungleichgewichte, etwa verursacht durch jahreszeitliche Schwankungen, ausgeglichen werden?

Sektorkopplung: „All electric“ versus Nutzung der Erdgas-Infrastruktur

Um die Frage nach der weiteren Ausgestaltung von Energiewende und Sektorkopplung hat sich eine grundlegende Diskussion entfacht. Die „All electric“-Fraktion verweist auf Effizienzverluste der mittelbaren Stromnutzung über Power-to-X-Konzepte. Die Vertreter der Gegenseite betonen die Probleme, die etwa eine Elektrifizierung der Wärmeversorgung der vielen Bestandsgebäude ohne ausreichende Dämmung mit sich brächte. Die Hoffnung der Power-to-Gas und Power-to-Fuels-Fraktion liegt darin, dass die Effizienzverluste minimiert und die Kosten der Umwandlung reduziert werden können, wenn es von Seiten der Politik klare Signale für eine Nutzung der entsprechenden Technologien gibt.

Suche nach dem volkswirtschaftlich effizienten Speichermix

Aber wie sieht es mit der volkswirtschaftlichen Effizienz aus? Diese Frage steht im Mittelpunkt, wenn es um die Bewertung möglicher Strategien für den weiteren Umbau der Energiesysteme geht. Wie viele Energiespeicher welcher Technologie werden künftig gebraucht. Wie zentral und wie dezentral wird die Speicherstruktur gestaltet sein? Und last but not least: Welche Bedeutung haben langfristig andere Flexibilisierungslösungen?

Bei der Antwort der letzten Frage geht es dann insbesondere um das Thema Netzausbau. Speicher sorgen für den zeitlichen Ausgleich, Netze für den räumlichen Ausgleich, erläutert Prof. Ulrich Wagner von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) im neuen EUWID-Report “Energiespeicher im Aufwind”. „Daher sind beide zwingend erforderlich und der Ausbau muss aufeinander abgestimmt sein.“

 

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