Die Energieversorgung ist durch die Corona-Krise vorerst nicht gefährdet, die Pandemie hat aber selbstverständlich auch für die Energiewirtschaft tiefgreifende Folgen. Gleichwohl geht es in der akuten Entwicklung auch Unternehmen der Energiebranche darum, dazu beizutragen, soweit möglich zu einer Entschärfung der Lage beizutragen. Dies betrifft Maßnahmen, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus zu verringern. Es gibt aber auch Beispiele für schnelles unternehmerisches Handeln, um Engpässe in der Versorgung mit medizinischen Produkten zu beheben. (Der Bericht ist ursprünglich am 20. März erschienen und wurde am 23. März aktualisiert).

Der Energiespeicherproduzent BMZ stellt die Produktion um und forciert die Produktion von Li-Ionen Akkus für diverse Anwendungen im medizinischen Bereich. Insbesondere Kunden, die gerade Beatmungsgeräte herstellen, hätten um Solidarität und Unterstützung gebeten, heißt es seitens der BMZ Gruppe. Anfragevolumina seien hier teilweise um die Hälfte erhöht worden. Tags zuvor hatte der Biokraftstoffproduzent CropEnergies berichtet, dass man die Produktion teilweise von Kraftstoffalkohol auf Neutralalkohol umstelle, um den wachsenden Bedarf an Ethanol als Hauptbestandteil für Desinfektionsmittel zu decken. Ähnliche Berichte kommen von der österreichischen Agrana-Gruppe, die Desinfektionsmittelhersteller per Tankwagen beliefert.

Entsprechende Entscheidungen haben natürlich auch einen wirtschaftlichen Hintergrund für die Unternehmen. Angesichts  der Ausbreitung von SARS-CoV-2, möglicher Behinderungen im Warenverkehr und Mobilitätseinschränkungen für Privatpersonen prüfe CropEnergies „alle Möglichkeiten“, die Auslastung der Werke auf hohem Niveau zuhalten. Gleichwohl dokumentieren die Beispiele die aktive Rolle, die Energiewende-Unternehmen auch in der aktuellen Krise spielen.

VKU: „Die Energieversorgung ist derzeit weder gefährdet noch beeinträchtigt“

Für die Energiewirtschaft geht es aktuell in erster Linie darum, die kritischen Infrastrukturen ohne Beeinträchtigung aufrecht zu erhalten. „Die Energieversorgung ist derzeit weder gefährdet noch beeinträchtigt“, sagte jüngst der stellvertretende VKU-Hauptgeschäftsführer Michael Wübbels. „Dennoch ergreifen Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber vorsorglich geeignete Maßnahmen, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Corona-Virus zu verlangsamen und damit für eine stabile Energieversorgung bei möglichst geringer Gefährdung ihre Mitarbeiter zu sorgen.“

Zu den Maßnahmen gehörten unter anderem die Nutzung von Home-Office, wo es möglich ist, die Vermeidung von Kundenkontakten, der Aufbau von getrennt voneinander agierender Teams sowie die frühzeitige Identifizierung möglicher Engpässe, um die betrieblichen Kernfunktionen auch im Infektionsfall aufrecht zu erhalten.

Auch der Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft gibt Entwarnung: „Derzeit sehen die Unternehmen kein Risiko für die Versorgungssicherheit“, teilte der Verband mit. „Die Unternehmen treffen weitreichende organisatorische Maßnahmen und überprüfen die für den Eintritt größerer Störungen ohnehin immer vorhandenen technischen Redundanzkonzepte, um die Versorgungssicherheit auch bei einer länger andauernden Pandemie zu gewährleisten“, erklärte Geschäftsführer Detlef Fischer. Die Anlagen der Versorgungsunternehmen seien von der Corona-Krise nicht unmittelbar betroffen oder in ihrer Funktion gefährdet, heißt es in der Mitteilung weiter. „Sie müssen lediglich weiter betrieben werden.“

Schutzmaßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie greifen stark in Arbeitsalltag ein

Die Umstellung der Unternehmen in der Energiebranche ist gleichwohl erheblich. „Die Schutzmaßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie greifen auch stark in unseren Arbeitsalltag ein“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Enertrag, Jörg Müller. „Unser Corona-Team prüft täglich die Lage, informiert Kollegen, verteilt Passierscheine, sorgt für regelmäßige Desinfektion, schafft Lösungen für mobiles Arbeiten und Heimarbeit“, berichtet Müller. Der tägliche Weiterbetrieb der Energieanlagen fordere „Einsatz und Kreativität wie nie zuvor“. Sicherheit steht dabei auch bei Enertrag an erster Stelle.

Der Arbeitsalltag ist etwa für die Sereviceteams erheblich erschwert. Überall gilt es, möglichst viel Abstand voneinander zu wahren und durch permanentes Informieren und Rückfragen mögliche Infektionen im beruflichen oder privaten Umfeld so früh wie möglich zu erkennen. „Das ist für uns alle eine erhebliche Arbeitsmehrbelastung“, hält Müller fest.

Für das international tätige Unternehmen sind die Einschränkungen in der Freizügigkeit ein zusätzliches Problem. „Unsere Mitarbeiter im Service, Anlagenbetrieb, Bau und in der Projektierung müssen über die Landesgrenzen hinweg tätig sein.“ Gerade errichtet Enertrag 38 Windenergieanlagen mit insgesamt 186 MW Leistung in Dargikowo und Karlino an der polnischen Ostseeküste. „Eine solche Großbaustelle kann nicht ohne erhebliche Mehrkosten angehalten werden.“ Der Zeitverzug, der durch einen Stopp entsteht, sei am Ende vielfach größer als die Zeit des Baustopps selbst.

Die Rezession kommt – offen ist nur das Ausmaß des Wirtschaftseinbruchs

Das Unternehmen sieht in der akuten Lage die Notwendigkeit, bestimmte regulatorische Vorgaben zu lockern. So müssen nach derzeit geltendem Recht Windfelder innerhalb von 24 Monaten nach dem Zuschlag in Ausschreibungen ans Netz gehen. Bislang ungenehmigte Bürgerwindprojekte aus dem Jahr 2017 haben 48 Monate Zeit. „Um beim Ausbau der Windenergie nicht einen Rückwärtsgang einzulegen und eine ganze Zukunftsbranche zu gefährden, ist es daher notwendig, eine Verlängerung der Realisierungsfrist für Windenergieprojekte zeitnah sicherzustellen“, heißt es bei Enertrag. „Ohne diese droht nach der Zwangspause durch Corona das vorläufige Ende des Zubaus.“

Wirtschaftlich sind andere Branchen wie Tourismus oder Luftfahrt gegenwärtig deutlich stärker von der Krise betroffen als die Energiewirtschaft. Die gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen wirken sich aber bereits heute auch auf die Energiebranche aus. „Die Wirtschaftsforschungsinstitute haben in den vergangenen Tagen ihre Konjunkturprognosen neu gerechnet“, merkt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) an. Für Deutschland erwarteten die Institute nunmehr fast durchweg eine schrumpfende Wirtschaft. Der Rückgang des BIP liegt dabei in der Spanne von +0,1 Prozent (IWH, optimistisches Szenario) bis -8,7 Prozent (IfW, pessimistisches Szenario). „Alle Institute betonen dabei die bestehenden Unsicherheiten über den zeitlichen Verlauf der Krise.“

Strompreise reagieren bereits mit deutlichen Abschlägen

Die Großhandelspreise für Strom reagierten bereits deutlich auf die Krise, heißt es weiter. Der Preisrückgang sei am Donnerstag (19. März) allerdings zu einem Halt gekommen. Der Jahresfuture für Lieferungen in 2021 liegt aktuell (Stand: 19. März) rund 5 €/MWh niedriger als noch vor einer Woche. Beim Monatsfuture April – also derzeit gehandelte Kontrakte für den Liefermonat April 2020 – sind deutlich stärkere Rückgänge um rund 10 €/MWh gegenüber vor einer Woche erfolgt.

Die Marktanalysten von enervis haben ausgerechnet, wie sich ein spürbarer Rückgang der Industriestromnachfrage auf das Strompreisniveau auswirken wird. Ein Industriestromrückgang um zehn bis 20 Prozent erscheint im laufenden Jahr durchaus realistisch zu sein. Bei einem Nachfragerückgang um 20 Prozent oder 50 TWh sinke der mittlere Jahresstrompreis um etwa 1,85 €/MWh bzw. 4,7 Prozent gegenüber einer Referenzentwicklung mit konstant hoher Industriestromnachfrage. Die CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung würden sich 2020 um 12 Mio. Tonnen bzw. um 25 Mio. Tonnen reduzieren.

Es erscheint angesichts der zu erwartenden tiefen Wirtschaftskrise und der eingeschränkten Mobilität, gerade, was den Flugverkehr angeht, durchaus denkbar, dass Deutschland sein CO2-Minderungsziel für 2020 noch erreicht. Sogar bis zu 45 Prozent seien möglich, sagte der Direktor von Agora Energiewende, Patrick Graichen, in Berlin. Langfristig könnte dies aber sogar schädlich sein, wenn erforderliche Investitionen in die Energiewende ausblieben.

(Beitragsbild: Inna / stock.adobe.com)

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