Die Lage der Windenergie im deutschen Heimatmarkt ist brisant. Wie brisant, das belegt nun auch der jüngste WindEnergy trend:index (WEtix): Der Standort Deutschland erhält die schlechteste Bewertung seit Beginn des WEtix im Frühjahr 2018 und verliert im Vergleich mit allen anderen Weltregionen. Die Stimmung auf dem internationalen Markt ist weiterhin positiv.

An der von der Weltleitmesse WindEnergy Hamburg und des Marktforschungsinstituts wind:research durchgeführten Umfrage haben mittlerweile insgesamt mehr als 5.000 Experten aus der Windbranche teilgenommen. Grundsätzlich optimistisch betrachten sie die Zukunftschancen der Windbranche durch Digitalisierung und neue Technologien.

“Sorgenkind” Deutschland: in allen Umfragen neutrale bis negative Werte

Für Deutschland setzt sich die negative Entwicklung der letzten zwei Jahre fort. Die aktuelle Marktsituation für die deutsche Onshore-Windindustrie wird negativ bewertet, wobei sich die Stimmung gegenüber April 2019 um mehr als das Dreifache verschlechtert hat. Ebenso sinkt die Bewertung der aktuellen Marktsituation für die Offshore-Windindustrie deutlich und fällt erstmals in den negativen Bereich. Auch die Zukunft des deutschen Windmarktes wird von den Umfrageteilnehmern nicht optimistisch gesehen: die Entwicklung der Marktsituation für die Onshore-Windindustrie in den kommenden zwei Jahren wird erstmals negativ eingeschätzt, während die Werte für die Offshore-Windindustrie nur noch knapp im positiven Bereich liegen. 

Ein Grund für die schlechte Stimmung in der deutschen Windindustrie scheint in den veränderten Rahmenbedingungen zu liegen. Im globalen Stimmungsbarometer werden die aktuellen Rahmenbedingungen für Onshore-Windenergie für alle Weltregionen leicht kritischer gesehen als noch im Frühjahr dieses Jahres. Insbesondere in Deutschland spiegeln sich politische Debatten, z.B. um den Mindestabstand von Windkraftanlagen, in den Umfrageergebnissen wieder: die negative Bewertung der Rahmenbedingungen sinkt auf das Doppelte.

Internationaler Markt insgesamt weiterhin positiv bewertet

In den letzten zwei Jahren wurde die Stimmung im internationalen Windmarkt für fast alle abgefragten Weltregionen – Europa, Nordamerika, Asien und den Rest der Welt – mit jeder Umfrage positiver bewertet. Diese Entwicklung ist im aktuellen Stimmungsbarometer nun sowohl für die internationale Onshore als auch die Offshore Windindustrie teilweise zum Erliegen gekommen. Auch wenn die Stimmung insgesamt weiterhin positiv eingeschätzt wird, so stagnieren die Werte zur aktuellen Marktsituation der Onshore-Windindustrie für Nordamerika und sinken für Europa, Asien und den Rest der Welt. Ein gemischteres Bild zeigt sich beim Offshore-Windmarkt: Die Marktsituation in Nordamerika und Asien wird weiterhin zunehmend positiv bewertet, was dem Trend der letzten Jahre entspricht. Die Einschätzungen für Europa und den Rest der Welt sinken.

Erwartung an Entwicklung flacht ab

Auch die Erwartungen an die Entwicklung der internationalen Windindustrie in den kommenden zwei Jahren sind nicht mehr ganz so optimistisch wie in den letzten Umfragen. Die Einschätzungen für den Onshore Windmarkt zeigen für Nordamerika, Asien und den Rest der Welt eine leicht, für Europa eine stark sinkende Tendenz, wobei die Bewertungen noch immer deutlich im positiven Bereich liegen. Im Offshore-Windmarkt hingegen hält der Aufwärtstrend für Nordamerika und Asien weiterhin an, während lediglich für Europa und den Rest der Welt die Einschätzungen zur zukünftigen Marktsituation leicht sinken.

Zukunftschancen durch Digitalisierung und neue Technologien?

Weiterhin optimistisch betrachten die Umfrageteilnehmer die Zukunftschancen durch Digitalisierung und neue Technologien für die internationale Windbranche. Die Erwartungen an Optimierungspotenziale durch die Digitalisierung sind sowohl für die Onshore- als auch die Offshore-Windenergie weiterhin fast gleichbleibend hoch. Und auch das Stimmungsbild bezüglich möglicher Einsparpotenziale durch neue Technologien liegt erneut im mittleren bis hohen Bereich, wobei die Potenziale für die Offshore-Windenergie höher eingeschätzt werden als für die Onshore-Windenergie. Zudem erwarten die Umfrageteilnehmer auch im kommenden Jahr eine weiterhin hohe Intensität von Konsolidierungsprozessen sowohl im Onshore- als auch im Offshore-Sektor.

Verbände betrachten Entwicklung mit Sorge

Der Bundesverband Windenergie (BWE) und VDMA Power Systems betrachten die Entwicklung mit großer Sorge: “Deutschland darf den Anschluss nicht verlieren – aktuell sehen wir einen Substanzverlust ausgerechnet in der Zukunftsbranche Windenergie. Wir fordern die Bundesregierung auf, zu einer industrie- und klimapolitisch sinnvollen Agenda zurückzukehren, bei Windenergie an Landschnellere Genehmigungen und mehr Flächen zu ermöglichen und der Windenergie auf See eine kurz- und langfristige Perspektive zu geben”, sind sich Wolfram Axthelm (BWE) und Matthias Zelinger (VDMA Power Systems) einig.

Windenergie werde global stark nachgefragt. Es bestehe aktuell die Gefahr, dass die Unternehmen in prosperierende Märkte abwandern, die einen positiveren Rahmen bieten. Hinzu komme, dass erneuerbare Energien immer mehr zum Standortvorteil würden. Investitionsentscheidungen – wie jene von Tesla – bestätigten dies, so Axthelm und Zelinger. Windenergie schaffe gesamtwirtschaftlich positive Impulse.

Die nächste WindEnergy Hamburg findet vom 22. bis 25. September 2020 statt. Es werden mehr als 35.000 Fachbesucher aus aller Welt erwartet.   

Über WEtix:

Beitragsbild: Dagmar Gärtner – stock.adobe.com

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