Amphiro-Energie-Tracker will Warmwasserverbrauch in Haushalten nachhaltig verringern

1999

Der Eisbär lebt! Das ist eine gute Nachricht. Er hat noch nicht einmal besonders gelitten. Die Scholle, auf der er sitzt, sieht noch immer robust aus. Ein bisschen merkwürdig ist es aber schon, dass er mir beim Duschen zugesehen hat. Und ich ihm. Zumindest ab und zu. Um zu schauen, dass es ihm gut geht…

Die Idee mit dem Eisbär ist originell und sie kommt vom Züricher Unternehmen Amphiro, das dafür verantwortlich ist, dass ich dem Eisbär beim Duschen zuschaue – oder genauer gesagt umgekehrt. Das aus einer Forschungskooperation der ETH Zürich und der Universität Bamberg entstandene Start-up hält die Idee sogar für so gut, dass es von der „weltweit mächtigsten Verhaltensintervention zum Energiesparen“ spricht.

Nutzer sparen durchschnittlich 645 kWh pro Jahr ein

Der Eisbär auf der Scholle ist von ein paar Zahlen umgeben. Er teilt sich das Display des Energie-Trackers amphiro b1 connect mit dem Wasserverbrauch. Der prangt in großen Lettern über dem Eisbär und zeigt sich beim Duschen erheblich dynamischer als der kleine Polarbär, der das Geschehen stumm beobachtet, auch wenn die Scholle langsam schmilzt. Tatsächlich hat es etwas sanft Beunruhigendes, wenn das durch den Abfluss entweichende warme Wasser plötzlich auf die Dezimalstelle genau gemessen wird.

Amphiro zitiert Feldstudien in fünf Ländern mit 3.200 Haushalten. Durchschnittlich 645 kWh hätten die Nutzer jährlich eingespart, eine „drastische und dauerhafte“ Reduktion, wie Amphiro berichtet. Über die Lebensdauer des Energietrackers hinweg spare das Gerät rund 300 € ein. Bei einem Preis von rund 80 € ist das kein schlechter Deal – soweit die Einsparungen denn tatsächlich nachhaltig sind.

645 kWh pro Jahr ist eine ganze Menge. Kann man so viel tatsächlich einsparen? Es ist nicht unrealistisch. Denn hier zeigt sich die immer wieder beobachtete Diskrepanz zwischen den gefühlten und den tatsächlichen Energiekosten. Rund vier Fünftel der Energiekosten eines Haushalts entfallen auf Heizung und Warmwasser. Den Hausbewohner ist das aber häufig nicht bewusst – möglicherweise auch ein Nebeneffekt der immer wieder geführten Diskussionen um „Strompreisexplosionen“ rund um das Thema EEG-Umlage.

„Eine Minute beim Duschen verbraucht so viel Energie wie die Beleuchtung und Elektronik im Haus am ganzen Tag“

Bevor der kleine Eisbär mitsamt Scholle und Wasserverbrauchsangabe in einer unbestimmten Zwischenwelt verschwindet, zeigt mir der Energietracker noch die Gesamtbilanz meines Duschvorgangs. 15,5 Liter habe ich verbraucht – und 942 Wattstunden. Die erste Zahl stellt mich zufrieden, der Wasserzerstäuber im Duschkopf lässt nicht allzu viel durch – und ein bisschen in Eile war ich auch. Aber 942 Wattstunden sind trotzdem viel. Mit meinem 900-Watt-Staubsauger könnte ich damit eine Stunde lang den Nachbarn auf die Nerven gehen. Und mein Laptop könnte ich viele, viele, viele Stunden betreiben.

Warmwasser macht – direkt nach der Raumheizung – den größten Posten im Energiebudget von Haushalten aus, „mehr als Herd, Kühl- und Gefrierschrank und die Beleuchtung zusammen“, betont Amphiro. Schon in einer Minute benötigt man beim Duschen so viel Energie wie die Beleuchtung und Elektronik im Haus am ganzen Tag.

Amphiro setzt mit seinem Produkt auf das unmittelbare Feedback. Da man die Informationen genau dann vor Augen hat, „wenn sie hilfreich sind und direkt sieht, wie viel Energie und Wasser man verbraucht, setzen sich Nutzer automatisch Verbrauchsziele und reduzieren die Duschdauer um durchschnittlich eine Minute“.

Ist die Einsparung auch wirklich nachhaltig oder ist mir der Eisbär irgendwann egal?

Knackpunkt ist die Frage, ob die Einsparungen auch wirklich nachhaltig erzielt werden. Den Effekt kenne ich von der Photovoltaikanlage. Der Wechselrichter im Keller zeigt mir den exakten Stromertrag und so besuchte ich ihn in den Monaten nach Installation der PV-Anlage gerne und häufig, um mich an der solaren Stromerzeugung zu erfreuen. Danach genügten gelegentlich Gänge in die dunkle Kammer. Und nachdem die Anlage auch nach Jahren keinerlei Anstalten macht, signifikant mehr oder weniger Strom zu erzeugen als in den ersten Jahren, überwiegt inzwischen wieder das Motiv, einen Rot- oder Weißwein zu finden, wenn der Weg die vielen Treppen hinab in die kühlen Räume führt.

Amphiro zeigt sich aber optimistisch, dass die Einspareffekte dauerhafter Natur sind. Nach 16 Monaten hat die längste Studie keine statistisch signifikanten Rückgänge der Einsparungen gezeigt. Zwei Gründe vermutet das Start-up hinter dem Effekt. Es gebe keine „Change points“, da das Gerät seine Energie aus dem Wasserfluss zieht und nicht aufgeladen werden muss oder einen Batteriewechsel braucht. Und: es ist keine aktive Handlung erforderlich, um das Feedback zu erhalten, da sich das Display automatisch aktiviert, sobald Wasser fließt. Die Nutzer „scheinen die Informationen nach einer Weile auch unbewusst zu berücksichtigen.

Wird das bei mir auch so sein? Ein gewisser Zweifel schwingt mit. Wird mir das Wohl des kleinen Eisbärs auf lange Sicht am Herzen liegen? Ein dunkler Teil in mir will sehen, was er tut, wenn die Eisscholle geschmolzen ist… Aber für den Augenblick kann er sich sicher fühlen. Und bei steigenden Energiekosten dürfte das durchaus eine ganze Weile so bleiben.

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