Jetzt ist es beinahe vorüber, das Jahr 2017. Für die Energiewende ist die Bilanz gemischt. Geprägt vom Umstieg auf das Ausschreibungsverfahren zur Ermittlung der Förderhöhe sind die Förderkosten für neue Stromerzeuger auf der Grundlage erneuerbarer Energien noch einmal deutlich gesunken. Fraglos eine positive Entwicklung. Zugleich gab es Rückschläge für die dezentrale Energiewende – nicht zuletzt durch den Paradigmenwechsel im Förderregime.

Bei der Windenergie an Land droht ein Fadenriss – die Rufe nach einer Sonderausschreibung im kommenden Jahr kommen nicht von Ungefähr. Zwar haben die „Bürgerenergiegesellschaften“ groß abgeräumt bei den Ausschreibungen. Ein Sieg für die Energiewende ist das aber nur auf den ersten Blick gewesen. Tatsächlich haben hier findige Unternehmer Lücken im Ausschreibungsdesign genutzt, um den Fuß in die Tür vieler Projekte zu bekommen – mit dem Risiko, dass viele der sehr scharf kalkulierten Vorhaben gar nicht realisiert werden.

Eine Möglichkeit, den dezentralen Gedanken der Energiewende im Onshore-Windkraftbereich zu stärken, wäre eine De-Minimis-Regelung im EEG 2017 gewesen, nach der Kleinprojekte nicht unter die Ausschreibungspflicht fallen. Diese Option wurde im Gesetz aber nicht umgesetzt. Solche seriös durchkalkulierten Kleinprojekte sind aber im gegenwärtigen Ausschreibungssystem kaum konkurrenzfähig.

Solarzubau leicht erholt, aber weit entfernt von früheren Zubauwerten

Was ist mit anderen Optionen zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements bei der Energiewende? Der Solarzubau hat sich im laufenden Jahr leicht erholt. Vielleicht sind zwei Gigawatt an neuen Photovoltaikanlagen noch erreichbar – bis Oktober waren es 1,5 GW. Gemessen an den Zubauzahlen zu Zeiten, als der Ausbau der Photovoltaik noch ein vergleichsweise teures Geschäft war, erreicht der Zubau im Jahr 2017 wohl noch nicht einmal ein Drittel. Das Mieterstromgesetz hat hier im laufenden Jahr noch keine nennenswerten Impulse gegeben – inwieweit das Engagement vieler Energiedienstleister ausreicht, um das zu ändern, bleibt abzuwarten.

Bei der Bioenergie stehen die Zeichen auf Stillstand. „Ohne Auslandsgeschäfte könnten die deutschen Unternehmen unter den heimischen Bedingungen nicht überleben“, erklärte gerade erst der Vizepräsident des Fachverbandes Biogas, Hendrik Becker anlässlich der Messe Biogas Convention in Nürnberg.

Und die aktuellen Nachrichten aus Brüssel, nach denen es kein grünes Licht für die geplante Begrenzung der EEG-Umlage für KWK-Neuanlagen gibt, sind mit Blick auf die Energiewende ebenfalls nicht ermutigend. Auch wenn das Bundeswirtschaftsministerium betont, dass man sich in „konstruktiven Gesprächen“ mit der Europäischen Kommission befinde und nach einer Einigung mit Brüssel eine entsprechende Neuregelung für das Jahr 2018 angestrebt wird.

Öffentliches Bewusstsein für Thema “Verkehrswende” gestiegen

Kurzum: es fehlt der Energiewende an Schwung – und das umso mehr, als man nicht nur eine Stromwende, sondern zugleich die Wärme- und Verkehrswende ansteuert.

Mut machen gleichwohl manche Entwicklungen, die 2017 Fahrt aufgenommen haben. Hierzu zählt die wachsende Öffentlichkeit für die Fragen der „Verkehrswende“. Hier haben die Irritationen um den Diesel nicht nur Empörung, sondern die konkrete Suche nach Alternativen vorangebracht. Und mit dem tatsächlichen und perspektivischen Wachstum der Elektromobilität in Verbindung mit den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung entstehen neue Ansatzpunkte für dezentrale Elemente der Energiewende – mit dem Prosumenten als „Systemdienstleister“, der mit PV-Speicher oder Elektrofahrzeug als möglicher Puffer für Ungleichgewichte im Stromnetz in Frage kommt.

Dezentrale digitale Energiewende als Chance für Energiedienstleister

Für die Energiedienstleister und –versorger bieten diese Entwicklungen vielfältige Chancen, wenn sie diese rechtzeitig erkennen und nutzen. „Der Schlüssel zum Erfolg wird in Zukunft die Fähigkeit zum Wandel sein und die Geschwindigkeit, mit der man diesen Wandel vollzieht“, sagte enercity-Chefin Susanna Zapreva kürzlich im EUWID-Interview. Die Dezentralität können Energiedienstleister nutzen, um Prosumenten als Teil der Lösung in ihre Strategie einzubinden.

Konzeptionell bietet hier der Bürgerstromhandel Potenziale. Die Versorger könnten hier als regionale Makler auftreten, die dem Prosumenten helfen, einen Nachfrager für „Überschussstrom“ zu finden. Durch eine optimierte Netznutzung könnten auf diesem Weg auch Kosten gesenkt werden. Was beim Thema Bürgerstromhandel möglich ist – und welche Schranken es noch gibt – damit hat sich das Analysehaus Energy Brainpool im Auftrag des Bündnisses Bürgerenergie (BBEn) befasst. Dem Thema ist dann auch der Titel der letzten Ausgabe von EUWID Neue Energie im Jahr 2017 gewidmet: Wie können Bürger ihren selbst erzeugten Strom im Sinne einer Share-Economy mit ihren Nachbarn und Interessenten im gleichen regionalen Umfeld teilen?

Ökonomische Schere zwischen fossil und erneuerbar wächst – zu Gunsten der Erneuerbaren

Wenn es im neuen Jahr zu einer Regierungsbildung kommt, so gibt es in Sachen Energiewende viel zu tun. Auch wenn die Widerstände gegen einen noch dynamischeren Umbauprozess weiter stark sind: Angesichts der dramatisch sinkenden Kosten für regenerative Energien spricht aus rein ökonomischen Gründen immer mehr für erneuerbare Energien. Und das ist zumindest eine gute Ausgangsposition für mehr Fortschritt bei der Energiewende im Jahr 2018.

EUWID Neue Energie

EUWID Neue Energie 51-52/2017 erscheint am 20. Dezember und umfasst 77 Nachrichten, Berichte und Analysen auf 36 Seiten. Kernfragen der redaktionellen Arbeit des Teams von EUWID Neue Energie sind:

  • Wie gelingt der Umbau der traditionellen Energiewirtschaft hin zu einem auf regenerativen Quellen basierenden Energiesystem der Zukunft?
  • Und wie können die Akteure am Markt den Umbauprozess für sich ökonomisch und gewinnbringend gestalten?

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